Ablauf der Karmetten

Zwei Lichtrechen mit je sieben Kerzen auf dem Altar - in der Mitte die Christus-Kerze vor dem mit einem violetten Vorhang verdeckten Kruzifix

Von Markus Bautsch

Die Feier der Karmetten als Gottesdienste in der Karwoche hat in der Pfarrkirche Mater Dolorosa seit 1940 Tradition1).

Für die Karmetten liegen seit den frühen 1980er Jahren Textbücher mit dem Titel Trauermetten in der Karwoche in deutscher Sprache aus, die auf den liturgischen Büchern der unterfränkischen Benediktinerabtei Münsterschwarzach beruhen und von den Liturgischen Instituten Trier - Salzburg - Zürich herausgegeben wurden. Die musikalische Bearbeitung haben die beiden Benediktinerpatres Godehard Joppich (*1932) und Rhabanus Erbacher (*1937) vorgenommen.

Die Trauermetten beziehungsweise Karmetten werden als Gebetszeiten der Liturgie des Stundengebets von der Choralschola gestaltet und gliedern sich in das Invitatorium, die Lesehore und die Laudes. Diese Gottesdienste werden manchmal auch mit dem lateinischen Wort Tenebrae bezeichnet, was mit Finsternis, Dunkelheit, Zweifel, Versteck oder Unklarheit übersetzt werden kann. Die Anwesenheit eines Priesters ist bei Stundengebeten nicht Voraussetzung.

Vor den Gottesdiensten am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag jeweils um 8:00 Uhr in der Frühe werden auf dem ungeschmückten Altar zwei nach außen hin abfallende Lichtrechen mit je sieben Kerzen aufgestellt und angezündet, die den elf Jüngern Jesu und den drei Marien entsprechen2). Der Kreuzweg hat ebenso viele Stationen wie die beiden Lichtrechen Kerzen haben. Zwischen den beiden Lichtrechen steht eine weitere, größere brennende Kerze, die Christus-Kerze.

Invitatorium

Versikel

Zu Beginn des Gottesdienstes und vor der ersten Gebetszeit erklingt nach dem Einzug der Choralschola und der Ministranten die Eröffnung mit dem gesungenen Versikel nach dem Psalm 51,17:

Vorsänger: Herr, öffne meine Lippen.

Antwort: Damit mein Mund dein Lob verkünde.

Antiphon

Danach folgt eine Antiphon, die jeweils mit dem Text „kommt, wir beten ihn an“ endet und von allen abwechselnd mit den nur von der Choralschola vorgetragenen Versen des Psalms 95 ("Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn und zujauchzen dem Fels unseres Heiles") und der anschließenden Doxologie („Ehre sei dem Vater und dem Sohn“) gesungen wird, während der dann von einem Ministranten die erste Kerze gelöscht wird.

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Christus, der Herr, wurde für uns versucht und hat für uns gelitten Christus, der Sohn Gottes, hat uns mit seinem Blut erkauft Christus, unser Herr, hat für uns den Tod erlitten und wurde ins Grab gelegt

Lesehore

Tenebrae-Leuchter auf dem Altar zum Beginn der Lesehore

Die Lesehoren der Kartage, die als Stundengebetszeit in der Liturgie dem Nachtgebet (genauer: der Matutin) entsprechen, schließen sich unmittelbar an das Invitatorium an. Sie gliedern sich in einen Hymnus, drei Antiphonen mit Psalmen, die im Wechsel zwischen der Choralschola und der Gemeinde gesungen werden, und drei Lesungen aus den Klageliedern des Jeremias mit entsprechenden Antwortgesängen. Wegen der Fastenzeit werden die Lesehoren nicht mit einem Te Deum laudamus (Dich Gott loben wir) abgeschlossen.

Hymnus Heilig Kreuz

Die Lesehoren beginnen mit drei Strophen des Hymnus „Heilig Kreuz, du Baum der Treue“ und der Doxologie. Die ersten drei Strophen sind Nachdichtungen der achten („Crux fidelis“), neunten und zehnten Strophe des frühmittelalterlichen Hymnus „Pange, lingua, gloriosi proelium certaminis“ („Besinge, Zunge, den Kampf des glorreichen Wettstreits“) von Venantius Fortunatus. An jedem der drei Kartage wird der Text auf einer anderen Melodie des über sechshundert Jahre jüngeren Hymnus „Pange, lingua, gloriosi corporis mysterium“ („Preise, Zunge, das Geheimnis dieses Leibs voll Herrlichkeit“) gesungen, der dem Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225–1274) zugeschrieben wird und der von dem älteren Text inspiriert ist. Das „Tantum ergo Sacramentum veneremur cernui“ („Darum lasst uns tief verehren ein so großes Sakrament“) ist die fünfte Strophe dieses Hymnus.3)

Die vier Strophen werden in der Lesehore im Wechsel zwischen der Choralschola und der Gemeinde gesungen.

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Gotteslob, alt, Melodie 848 (Berliner Anhang),
Tantum ergo Sacramentum
541,
Tantum ergo Sacramentum
543,
Pange, lingua, gloriosi
Gotteslob, neu, Melodie 492,
Jesus, du bist hier zugegen
495, Sakrament der Liebe Gottes
493,
Preise, Zunge, das Geheimnis
Liber Usualis 1954 957 / 954
Graduale Romanum 1973 170 / 850 / 857

Der Hymnus wird mit der Doxologie und einem Amen abgeschlossen, und die zweite Kerze wird gelöscht.

Drei Antiphonen

Erste Antiphon

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Ich bin Müde vom Rufen Die Könige der Erde stehen auf Ich lege mich nieder
Kirchenton IV I IV
Psalm 69 A 2 3 und 4,9

Der Psalm wird mit der Doxologie abgeschlossen, und die dritte Kerze wird gelöscht.

Zweite Antiphon

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Sie gaben mir Galle als Speise Sie verteilen unter sich meine Kleider Mein Leib ruht in sicherer Hoffnung
Kirchenton I IV II
Psalm 69 B 224) 16

Der Psalm wird mit der Doxologie abgeschlossen, und die vierte Kerze wird gelöscht.

Dritte Antiphon

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Ihr, die ihr Gott sucht Die mir nach dem Leben trachten Hebt euch, ihr uralten Pforten
Kirchenton II II VIII
Psalm 69 C 38 24

Der Psalm wird mit der Doxologie abgeschlossen, und die fünfte Kerze wird gelöscht.

Drei Lesungen

Incipit lamentatio Jeremiae Prophetae

An den drei Kartagen gibt es insgesamt neun Lesungen mit Klageliedversen aus dem Buch Jeremia, die solistisch im Gregorianischen Gesang vorgetragen werden. Die erste und die letzte beginnen mit dem Text „Incipit Lamentatio Jeremiae Prophetae“ („Es beginnt das Klagelied des Propheten Jeremias“), und alle Lesungen enden mit dem Text „Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum“ („Jerusalem, Jerusalem, kehre um zum Herrn, Deinem Gott“).

Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum

Die Melodien sind nicht in den ursprünglichen gregorianischen Kirchentonarten, aber genauso wie diese heptatonisch, also mit einem Tonvorrat von sieben verschiedenen Tönen komponiert. Die authentischen5), also von der Tonhöhe nicht unter den Schlusston gehenden Kompositionen sind auf dem Grundton F notiert und haben einen Ambitus von nur einer Quarte (von F bis B molle, dem um einen Halbton erniedrigten B durum, die in der deutschen Notation den Tönen B und H entsprechen). Für die letzte Lesung am Karsamstag gibt es als Alternative noch eine aufwendiger gestaltete Komposition mit einem Ambitus von einer Oktave (von E bis e). In dieser plagalen6), also von der Tonhöhe auch deutlich unter den Schlusston gehende Komposition wechseln die Schlusstöne zwischen G bei den Halbversen und A am Versende. Dies wird auch als Wanderton oder Tonus peregrinus (= fremder Ton) bezeichnet.

In dern ersten vier Kapiteln der Klagelieder - also außer bei der letzten Lesung am Karsamstag aus dem letzten, fünften Kapitel - werden den Versen in der Vulgata und auch im Vortrag die hebräischen Anfangsbuchstaben vorangestellt, um die ursprüngliche Form der sogenannten Abecedarien deutlich zu machen, bei denen die Verse mit aufeinanderfolgenden Buchstaben beginnen. Im dritten Kapitel der Klagelieder werden die einzelnen Buchstaben bei den Versbeginnen immer drei Mal hintereinander verwendet. In den folgenden Tabellen sind die Buchstabenbezeichnungen aus dem Choralbuch Liber Usualis dargestellt, und gegebenfalls steht die heute gebräuchliche Schreibweise mit lateinischen Buchstaben in Klammern dahinter.

Erste Lesung

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Klagelieder Jeremias 1,1 - 1,5 2,8 - 2,11 3,22 - 3,30
Lateinischer Text 1,1 - 1,5 2,8 - 2,11 3,22 - 3,30
Liber Usualis 626 628 631
Initialen des hebräischen Textes Aleph, Beth, Ghimel (Gimel), Daleth, He Heth (Chet), Teth (Tet), Jod, Caph (Kaph) 3 x Heth (Chet), 3 x Teth (Tet), 3 x Jod
Hebräischer Text 1,1 - 1,5 2,8 - 2,11 3,22 - 3,30

Am Ende der Lesung wird die sechste Kerze gelöscht. Nach der Lesung wird das Responsorium „Wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt, ist der Herr geworden“ (vergleiche Buch Jesaja 53,7) im zweiten Kirchenton gesungen.

Hörbeispiel der ersten Lesung vom Gründonnerstag:

Zweite Lesung

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Klagelieder Jeremias 1,6 - 1,9 2,12 - 2,15 4,1 - 4,6
Lateinischer Text 1,6 - 1,9 2,12 - 2,15 4,1 - 4,6
Liber Usualis 669 671 673
Initialen des hebräischen Textes Vau7) (Waw), Zain (Zajin)8), Heth (Chet), Teth (Tet) Lamed, Mem, Nun, Samech9) Aleph, Beth, Ghimel (Gimel), Daleth, He, Vau10) (Waw)
Hebräischer Text 1,6 - 1,9 2,12 - 2,15 4,1 - 4,6

Am Ende der Lesung wird die siebente Kerze gelöscht. Nach der Lesung wird das Responsorium „Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ (vergleiche Römerbrief 3,22-23) im ersten Kirchenton gesungen.

Dritte Lesung

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Klagelieder Jeremias 1,10 - 1,14 3,1 - 3,9 5,1 - 5,11
Lateinischer Text 1,10 - 1,14 3,1 - 3,9 5,1 - 5,11
Liber Usualis 715 717 (719) 721
Initialen des hebräischen Textes Jod, Caph (Kaph), Lamed, Mem, Nun 3 x Aleph, 3 x Beth, 3 x Ghimel (Gimel) -
Hebräischer Text 1,10 - 1,14 3,1 - 3,9 5,1 - 5,11

Am Ende der Lesung wird die achte Kerze gelöscht.

Hörbeispiel der dritten Lesung vom Karsamstag im Tonus peregrinus:

Laudes

Die Laudes der Kartage, die als Stundengebetszeit in der Liturgie dem Morgenlob entsprechen, schließen sich unmittelbar an die Lesehoren an. Sie beginnen wie diese mit drei Antiphonen, von denen die erste und dritte mit Psalmen und die zweite mit einem Canticum (das ist ein Bibeltext, der nicht aus dem Psalter stammt) gesungen wird - ebenfalls im Wechsel zwischen der Choralschola und der Gemeinde. Nach einer kurzen Schriftlesung folgt die gregorianische Antiphon „Christus factus est pro nobis“ („Christus ward für uns“), die von der Choralschola vorgetragen wird. Zum Ende der Laudes folgen – wie allgemein üblich – das Loblied „Benedictus“ im Wechselgesang zwischen der Choralschola und der Gemeinde, die Bitten, das gemeinsam gesungene Vaterunser, das Tagesgebet und der Segen.

Drei Antiphonen

Erste Antiphon

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Sieh her, mein Gott Seinen eigenen Sohn hat Gott nicht verschont Sie klagen um ihn
Kirchenton VIII VI II
Psalm 80 5111) 6112)

Der Psalm wird mit der Doxologie abgeschlossen, und die neunte Kerze wird gelöscht.

Zweite Antiphon

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Gott ist mein Retter Jesus Christus hat uns geliebt Vor den Pforten der Unterwelt
Kirchenton VI II I
Canticum Buch Jesaja 12,1-6 Buch Habakuk 3,2-4 und 3,13-1913) Buch Jesaja 38,10-20

Das Canticum wird mit der Doxologie abgeschlossen, und die zehnte Kerze wird gelöscht.

Dritte Antiphon

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Mit bestem Weizen nährt uns der Herr Dein Kreuz, o Herr, verehren wir Ich war tot, doch ich lebe in Ewigkeit
Kirchenton VIII IV III
Psalm 81 147 B 150

Der Psalm wird mit der Doxologie abgeschlossen, und die elfte Kerze wird gelöscht.

Kurzlesung

Nach der Kurzlesung wird die zwölfte Kerze gelöscht.

Antiphon Christus factus est

Im Anschluss an die Kurzlesung singt die Choralschola die gregorianische Antiphon „Christus factus est pro nobis“ auf den Text aus dem Brief des Paulus an die Philipper 2,8–9, wobei der Text an jedem Tag entsprechend des Fortschreitens der in Erinnerung zu rufenden Ereignisse im Umfang zunehmend vorgetragen wird:

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Text Christus factus est pro nobis obediens usque ad mortem + Mortem autem crucis + Propter quod et Deus exaltavit illum et dedit illi nomen, quod est super omne nomen
Übersetzung Christus ward für uns gehorsam bis zum Tod + Bis zum Tod am Kreuz + Daher hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen

Nach der Antiphon wird die dreizehnte Kerze gelöscht.

Antiphon Benedictus

Das Benedictus („Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn Er hat Sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen.“) wird ebenfalls als Antiphon gesungen, wobei die aufsteigenden Intonationen nicht nur beim ersten Vers - wie bei den Psalmversen und bei den Versen der Cantica -, sondern bei jedem Vers gesungen werden, um diesen Lobgesang noch feierlicher zu gestalten. Der Text stammt aus dem Lukasevangelium 1,68–79, wo Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, Gott für die wunderbare Geburt seines Sohnes dankt.

Gründonnerstag Karfreitag Karsamstag
Antiphon Mit Sehnsucht habe ich danach verlangt Über seinem Haupte befestigten sie eine Inschrift Retter der Welt, errette uns
Bibelstelle Lukasevangelium 22,15 Johannesevangelium 19,19 Johannesevangelium 4,42 und 1. Brief des Apostels Johannes 4,14
Kirchenton II IV II

Das Benedictus wird mit der Doxologie abgeschlossen, und die vierzehnte Kerze wird gelöscht.

Bitten

Die jeweils fünf Bitten der Kartage werden von der Gemeinde mit dem gesungenen Text „Herr, erbarme dich unser“ beantwortet.

Vaterunser

Nach der Einladung durch den Kantor mit den Worten „Lasset uns beten, wie der Herr uns gelehrt hat“, singt die Gemeinde gemeinsam mit der Choralschola das Vaterunser.

Abschluss

Zum Abschluss folgen ein Tagesgebet, der Segen und der Friedensgruß. Die einzig noch brennende Christus-Kerze wird am Grümdonnerstag sowie am Karfreitag stehen gelassen und am Karsamstag beim Auszug von einem Ministranten hinausgetragen.


Februar 2015

Siehe auch

2) Zur Bedeutung der Zahl Sieben siehe auch: Dialoge zwischen Anteus und Tiro
4) Siehe auch Joh 19,24
5) , 6) Zu den authentischen und plagalen Ausprägungen der vier Kirchentonarten siehe auch: Über das Ethos der Kirchentöne und Grundlagen des Gregorianischen Gesangs - Modus
7) , 8) , 10) Aussprache mit weichem Anlaut.
9) Aussprache mit scharfem, stimmlosen Anlaut.
11) Siehe auch Röm 8,32
12) Siehe auch Sach 12,10
13) Siehe auch Off 1,5
musik/ablauf_der_karmetten.txt · Zuletzt geändert: 2017/09/28 20:41 von mbautsch
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