Grundlagen des Gregorianischen Gesangs

Von Markus Bautsch

Die vier Grundlagen des Gregorianischen Gesangs

Der Gregorianische Choral stellt hohe Anforderungen an die Ausübenden, da bei der Interpretation viele Aspekte berücksichtigt werden müssen. Ausgehend vom Verständnis der Liturgie des Römischen Ritus, der lateinischen Sprache und der gregorianischen Neumen, sind musiktheoretische und theologische Kenntnisse sehr nützlich. Um den einstimmigen und unbegleiteten Gregorianischen Gesang qualifiziert wiedergeben zu können, sind ferner auch die Artikulation der lateinischen Sprache und die Tongebung beim Singen wesentlich.

Im Folgenden sollen die genannten Aspekte ein wenig näher betrachtet werden. Anhand der Verweise und der erwähnten Fachbegriffe ist eine weitergehende Recherche leicht möglich.

Liturgie

Wort und Ritus stehen in der Liturgie in einem engen Zusammenhang. Es gibt keine Liturgie ohne das Wort, und es gibt keine Liturgie ohne Ritus. Nur aus dem Verständnis des tradierten Wortes und des tradierten Ritus heraus kann Liturgie lebendig gestaltet und bewahrt werden.

Wort

Das Papyrus 75 mit dem Anfang des Evangeliums nach Johannes

In principio erat Verbum, et Verbum erat apud Deum, et Deus erat Verbum.
Hoc erat in principio apud Deum.
Omnia per ipsum facta sunt, et sine ipso factum est nihil, quod factum est;
(nach der Nova Vulgata)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
(nach der Einheitsübersetzung)

Der Evangelist Johannes teilt dem Leser gleich zum Beginn seines Evangeliums mit, wie wesentlich das Wort Gottes im Glauben ist. Auch der Gregorianische Gesang beruht wesentlich auf dem Wort Gottes. Die Texte des Gregorianischen Chorals stammen in weiten Teilen aus der Bibel; meistens aus dem Alten Testament und insbesondere aus den Psalmen, gelegentlich aber auch aus dem Neuen Testament. Es gibt ferner viele Hymnen und Sequenzen, deren Texte erst im Mittelalter gedichtet worden sind.


Zu Wort-Melodie-Beziehungen im Gregorianischen Choral siehe hier: Über Wort-Melodie-Beziehungen beim Gregorianischen Choral


Zur Verwendung von Texten aus dem Gregorianischen Repertoire in deutschsprachigen Kirchenliedern siehe hier: Über Kontrafakturen gregorianischen Repertoires

Ritus

Choralschola mit Chorhemden und Talaren bekleidet im Chorraum

Der Gregorianische Choral ist der ureigene und universelle Gesang der römisch-katholischen Kirche. Er wird weltweit einheitlich in der lateinischen Sprache der römisch-katholischen Kirche gesungen. Die ältesten Stücke des gregorianischen Repertoires haben eine weit über eintausendjährige Tradition innerhalb des Römischen Ritus. Die ursprünglichen Melodien konnten trotz der durch die große Liturgiereform des Konzils von Trient angestoßenen starken Vereinfachungen im Gregorianischen Repertoire dank der inzwischen schon über ein Jahrhundert andauernden Restitution des Gregorianischen Chorals und dank der Gregorianischen Semiologie weitgehend wiederhergestellt werden. Die universelle Bedeutung des Gregorianischen Chorals wurde zudem durch das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt.

Es gibt erstaunliche Parallelitäten zwischen der byzantinischen und der römischen Notation der liturgischen Gesänge, so dass davon ausgegangen werden kann, dass beide Traditionen auf die gleichen frühchristlichen Wurzeln zurückgehen.

Die besondere Feierlichkeit von Gottesdiensten mit Gregorianischem Gesang wird dadurch unterstrichen, dass die Choralscholisten liturgische Kleidung tragen. Theologische Laien bekleiden sich häufig mit einem weißem Chorhemd über einem bodenlangen schwarzen Talar, Ordensleute singen in der Regel in ihrer Ihrer Ordenstracht.

Sowohl für die Messfeiern an Werktagen, Sonntagen oder Festtagen als auch die Gottesdienste des Stundengebets gibt es Choralbücher mit den entsprechenden zur jeweiligen Liturgie passenden Stücken. Die wiederkehrenden Stücke des Ordinariums finden sich dort genauso wie die dem jeweiligen Tag des Kirchenjahres eigenen Stücke des Propriums.

Musiktheorie

Der Gregorianische Choral beruht auf einem mittelalterlichen Tonsystem, und die Melodien werden erst seit gut eintausend Jahren in einer Tonschrift, den Neumen, festgehalten. Im frühen Mittelalter konnten die meisten Geistlichen die lateinischen Texte aller Psalmen auswendig, und die Melodieverläufe wurden den Choralsängern vom Kantor allein durch Winke (Wink heißt auf griechisch νεῦμα (neuma)) mit der Hand angezeigt, der dazu auch die Melodien auswendig beherrschen musste. Seit etwa dem 9. Jahrhundert konnten immer mehr Kantoren auf die niedergeschriebenen adiastematischen Neumen zurückgreifen, die zur Unterstützung der Erinnerung an die Melodieverläufe und als Vorlage für die Handbewegungen zur Anleitung der Mitsänger Verwendung fanden. Diese Neumen geben recht genau den Rhythmus, nicht aber den genauen Tonhöhenverlauf der Melodien wieder. Später wurden zunehmend die diastamatischen Neumen eingeführt, bei denen auch die relative Tonhöhe der einzelnen Töne abgelesen werden konnte. Schließlich wurde im 11. Jahrhundert daraus die Quadratnotation entwickelt, die auf einem Notenliniensystem mit Notenschlüsseln beruht.

Modus

Die Modi des Gregorianischen Gesanges beruhen auf einer diatonischen Heptatonik mit den Tonbezeichnungen A, B durum (= H), C, D, E, F und G. Die beiden Halbtonschritte liegen zwischen dem B durum und dem C sowie zwischen dem E und dem F. Lediglich das B durum, kann um einen Halbton nach unten zum B molle versetzt werden, so dass der Halbtonschritt dann zwischen den Tönen A und B molle liegt, was vorwiegend bei fallenden Melodieverläufen Anwendung findet.

Eine gregorianische Melodie endet in jedem Modus auf dem jeweiligen Grundton, der sogenannten Finalis. Auch der am häufigsten erreichte, umsungene oder wiederholte Ton ist für jeden Modus typisch - dieser Ton wird als Repercussa, als Tenor oder auch als Rezitationston bezeichnet. Insbesondere bei Psalmodien wird dieser Ton sehr häufig verwendet.

Die vier Kirchentonarten mit ihren acht Modi

Der Gregorianische Choral beruht modal auf den vier Kirchentonarten (beziehungsweise Kirchentongeschlechtern) Protus, Deuterus, Tritus und Tetrardus, die jeweils eine authentische und eine plagale Ausprägung haben. Die Melodien in den originalen Modi (mit dem Namenszusatz „authenticus“) wandern im Gegensatz zu den Melodien in den abgeleiteten Modi (mit dem Namenszusatz „plagalis“) nie oder nur selten und geringfügig unter die Tonhöhe der jeweiligen Finalis. Insgesamt ergeben sich also die folgenden acht Modi:

  • Protus (Finalis D)
    • Protus authenticus (I. Ton)
    • Protus plagalis (II. Ton)
  • Deuterus (Finalis E)
    • Deuterus authenticus (III. Ton)
    • Deuterus plagalis (VI. Ton)
  • Tritus (Finalis F)
    • Tritus authenticus (V. Ton)
    • Tritus plagalis (VI. Ton)
  • Tetrardus (Finalis G)
    • Tetrardus authenticus (VII. Ton)
    • Tetrardus plagalis (VIII. Ton)

Zum Ethos der Kirchentöne siehe hier: Über das Ethos der Kirchentöne


Zum Ursprung der diatonischen Tonskala in der griechischen Antike siehe hier: Über die pythagoreischen Wurzeln der gregorianischen Modi

Neumen

Ein Alleluia aus dem Codex Sangallensis 359 in adiastematischer Notation

In den adiastematischen Neumen (ohne Notenlinien) sind die relativen Tonschritte nicht ersichtlich, sondern nur bei den diastematischen Neumen (mit Notenlinien), wie in der Quadratnotation. Eine Transposition zu anderen Grundtönen erübrigt sich, da im Gregorianischen Gesang keine absoluten Tonhöhen und somit auch keine Stimmtöne festgelegt sind; der C- oder F-Schlüssel der Quadratnotation kann auf jede der vier Notenlinien gelegt werden, so dass keine Hilfslinie oder nur eine geringe Anzahl von Hilfslinien erforderlich ist. Die Verwendung der unteren Notenlinie ist jedoch nicht üblich; statt des F-Schlüssels auf einer der beiden unteren Notenlinien, wird in der Regel der C-Schlüssel auf der entsprechenden der beiden oberen Notenlinien verwendet.

Einfache Neumen, die sogenannten Einzeltonneumen (zum Beispiel die Virga oder das Punctum) bestehen aus einer einzigen Note. Gruppenneumen erhalten eigene Bezeichnungen und werden bei den Doppeltonneumen aus zwei (zum Beispiel beim Pes oder bei der Clivis) oder bei den Dreifachtonneumen aus drei (zum Beispiel beim Porrectus, beim Torculus, beim Scandicus oder beim Climacus) Einzeltonneumen zusammengesetzt. Gruppenneumen können wiederum zu noch umfangreicheren Mehrgruppenneumen zusammengesetzt werden. Darüberhinaus gibt es noch Zusatzbezeichnungen, Verzierungsneumen, Dehnungszeichen (Episeme oder Morae) und Zusatzzeichen (die Litterae significativae), die für die Interpretation wichtig sind.

Kleine Stichnoten, sogenannte Liqueszenzen, verdeutlichen in der Quadratnotation Töne von zwei aufeinanderfolgenden Silben, die durch Konsonanten verbunden sind. Solche Konsonantenpaare sind für deutsche Muttersprachler allerdings nicht ungewöhnlich, bereiten daher bei der Aussprache in der Regel keine Probleme und können unter diesen Voraussetzungen unbeachtet bleiben.

Der Anfang des Offertoriums Reges Tharsis in neographischer Schreibweise

Im Graduale Triplex werden zusätzlich zur Quadratnotation zwei authentische adiastamatische Handschriften angegeben, um dem Interpreten den genauen Rhythmus zu vermitteln. Die Quadratnotation wurde Ende des 20. Jahrhunderts zur sogenannten Neographie weiterentwickelt, die nicht nur die relative Tonhöhe angibt, sondern auch deutlich mehr rhythmische Hinweise gibt. Das Erfordernis des zusätzlichen Studiums der adiastematischen Neumen soll durch die Verwendung der Neographie entfallen oder zumindest abgeschwächt werden.

Sprache

Sprache entsteht nicht allein durch Artikulation oder Silbenrhythmus, sondern beide Aspekte sind eng miteinander verflochten und müssen beim Sprechen und Singen gleichzeitig umgesetzt werden.

Artikulation

Die Linguistik versteht unter der Artikulation die Unterscheidung von verschiedenen Phonemen, also im Wesentlichen die Aussprache und Lautgebung der verschiedenen Vokale sowie der stimmlosen und stimmhaften Konsonanten. Durch die Aneinanderreihung von Phonemen entstehen in einer Sprache Silbenklänge, die wiederum zu Wörtern und Sätzen zusammengesetzt werden.

Für deutschsprachige Muttersprachler sind einige Abweichungen der Aussprache des Kirchenlateins zur Kenntnis zu nehmen:

  • Das „C“ vor „ae, „e“, „i“, „oe“ und „y“ wird wie das „Z“ und sonst - also vor „a“, „o“ und „u“ - wie das „K“ in der deutschen Sprache ausgesprochen.
  • Das „J“ wird im Lateinischen durch ein „I“ repräsentiert, das jedoch in der Regel von einem anderen Vokal gefolgt wird. Dieser Diphthong wird als Wort- oder Silbenbeginn oder auch als vollständige Silbe wie am Ende des „Alleluia“ nicht mit zwei getrennten Vokalen beziehungsweise mit einer Silbentrennung ausgesprochen, so dass sich relativ zwanglos die Aussprache als J-Laut ergibt.
  • Das „S“ wird stimmhaft ausgeführt, wenn es von einem Vokal gefolgt wird, sonst - insbesondere als doppeltes „s“ - stimmlos.
  • Das „T“ wird vor „i“ und wenn direkt danach noch ein weiterer Vokal folgt wie das „Z“ in der deutschen Sprache ausgesprochen.
  • Das „V“ wird eher weich, wie das deutsche „W“ ausgesprochen.

In der lateinischen Sprache wird bei konjugierten oder deklinierten Wörtern der Hiat manchmal vermieden, so dass dann eine Wortsilbe nicht mit einem Vokal beginnt, wenn die davorstehende Wortsilbe mit einem Vokal endet. In den vielen Fällen, wo dies jedoch auftritt, werden beide Vokale getrennt ausgesprochen, wie zum Beispiel bei „de-us“, „fi-li-us“, „fi-li-o“, „tu-o“ oder „tu-i“.

Rhythmus

Die musikalische Artikulation, also die Verbindung von aufeinanderfolgenden Melodietönen, ist durch die Neumen festgelegt, die nicht nur die Tonhöhe sondern auch den Rhythmus angeben. Die Neumen haben oft einen direkten Bezug zu den vertonten Wörtern und unterstützen insofern die linguistische Artikulation der Wörter und den Sprachrhythmus. Keineswegs ist der Rhythmus des Gregorianischen Chorals gleichförmig, wie beim Äqualismus, der sich seit der Renaissance verbreitet hatte. Der Rhythmus beruht auch nicht auf einer rationalen Arithmetik mit ganzen Zahlen, wie sie beim Gregorianischen Choral im Mesuralismus praktiziert wurde und die in der modernen Notation zum Beispiel mit ihren ganzen und halben Noten oder Viertel- und Dreiachtelnoten verwendet wird.

Unregelmäßiger zeitlicher Verlauf der Betonungen und Akzente beim Beginn des Offertoriums Reges Tharsis

Der Rhythmus des Gregorianischen Chorals entspricht vielmehr ganz wesentlich dem Sprachrhythmus und ist den Neumen häufig syllabisch zugeordnet. Darüberhinaus gibt es Tonwiederholungen auf einer Silbe, die reperkutiert - also mehrfach an- und abschwellend - gesungen werden, und teilweise sogar ganze Melismen, wie beim Jubilus der Alleluia-Gesänge, die in Entsprechung der rhythmischen Angaben in den Neumen ebenfalls keineswegs gleichförmig gesungen werden müssen oder sollen. Hierbei gibt es für den Dirigenten oder einen Gesangssolisten einen gewissen interpretatorischen Spielraum für ein Tempo rubato.

Hörbeispiel des Offertoriums Reges Tharsis:

Da der Gregorianische Choral einstimmig vorgetragen wird, ergeben sich durch die unregelmäßigen Akzente nicht die grundsätzlichen Probleme, die sich bei polyphonen Kompositionen oder bei Marsch- oder Tanzrhythmen ergeben würden. Bei der Entwicklung der Mehrstimmigkeit, die im Mittelalter zunächst in allen Stimmen homophon geführt wurde, musste schließlich und zwangsläufig vom freien Sprachrhythmus des Gesangs abgerückt werden, damit auch kompliziertere Formen wie Kanones oder Fugen überhaupt praktisch ausgeführt werden können. Bei rein instrumentaler Musik müssen die Instrumentalisten sowieso keine Rücksicht auf den Rhythmus der Sprache nehmen.

Anders als das Spanische oder das Französische gehört die deutsche Sprache zu den akzentzählenden Sprachen, bei denen die Zeitintervalle zwischen aufeinanderfolgenden Silben nicht unbedingt gleich sind. Dies ist auch bei der Interpretation des Gregorianschen Chorals wichtig, da die verschiedenen und besonders die episemierten Neumen einen anisochronen Silbenrhythmus fordern und beim Gesang auch entsprechend hervorrufen.

Der Wortakzent ist in der lateinischen Sprache stets durch die Endung bestimmt. Er liegt meist auf der vorletzten Silbe. Bei kurzer vorletzter Silbe rutscht der Akzent auf die drittletzte Silbe, was bei liturgischen Texten in der Regel durch ein entsprechendes Akzentzeichen angegeben ist. Beispiel: hómo, hómines.

Stimme

Die menschliche Singstimme lässt Worte des gregorianischen Repertoires in Melodien und Rhythmen klingen. Die Einheitlichkeit der Töne trägt wesentlich zur Qualität des Vortrags bei. Dazu sind eine genaue Intonation und obertonreiche Klangfarben sehr zielführend.

Intonation

Zum einen ergeben sich die Töne der gregorianischen Melodien aus dem System der Modi, zum anderen sind die relativen Tonhöhen und somit auch die Intervalle beim Gregorianischen Gesang durch die antike pythagoreische Stimmung festgelegt. Da der Gregorianische Gesang einstimmig ist, klingen alle Stimmen mit der gleichen Tonhöhe oder in Oktavparallelen; beim Organum auch in reinen Quarten oder Quinten. Das einstimmige Singen stellt hohe Anforderungen an die einheitliche Intonation aller Beteiligten.

Tonhöhen bei pythagoreischer Stimmung im Vergleich zu gleichstufiger und mitteltöniger Stimmung

Bei Oktaven gibt es keine Abweichungen zu anderen Temperierungen, und bei Quartintervallen (A-D, B durum-E, C-F, D-G, E-A, F-B molle, G-c) und bei Quintintervallen (A-E, B molle-F, C-G, D-A, E-B durum, F-C und G-D) sind die Abweichungen zwischen pythagoreischer, gleichstufiger und mitteltöniger Stimmung relativ gering. Beim pythagoreischen Stimmsystem sind alle vorkommenden Quarten und Quinten jedoch vollkommen rein, wohingegen diese Intervalle bei den meisten anderen Temperierungen nur fast rein sind.

Da bei den einstimmigen Melodien nie zwei verschiedene Töne gleichzeitig gesungen werden, ergibt sich nicht wie bei mehrstimmiger Chormusik das Erfordernis, zum Beispiel auch große Terzen konsonant zu singen. Dies wird erst mit der in der Renaissance entwickelten mitteltönigen Stimmung möglich. In der pythagoreischen Stimmung sind alle großen Terzen (C-E, F-A und G-B durum) jedoch etwas größer als in der modernen gleichstufigen Stimmung, die heute bei Tasteninstrumenten vorherrschend ist, und viel größer als in der mitteltönigen Stimmung.

Daraus folgt gleichzeitig, dass in der pythagoreischen Stimmung alle kleinen Terzen (D-F, E-G, G-B molle, A-c, B durum-D) etwas kleiner sind als in der gleichstufigen Stimmung und deutlich kleiner als in der mitteltönigen Stimmung.

Anders betrachtet kann festgestellt werden, dass alle kleinen Sekunden (E-F, A-B molle und B durum-c) sehr klein sind. Bei steigenden Melodien kann der Leitton heute daher als ziemlich hoch und bei fallenden Melodien als recht tief empfunden werden.

Timbre

Vokaldreieck - auf der horizontalen Achse sind die Tonhöhen der unteren Formanten und auf der vertikalen Achse die Tonhöhen der oberen Formanten aufgetragen

Der Klang der menschlichen Singstimme wird im Wesentlichen durch die Bildung der Vokale im Vokaltrakt bestimmt. Dieser besteht aus dem Kehlkopf mit der Stimmritze, dem Rachen, dem Mundraum, den Nasenhöhlen und den Lippen. Die verschiedenen Vokale des Vokaldreiecks werden durch die Stellung von Unterkiefer und Zunge, sowie die Form der Lippen bestimmt. Dabei werden bestimmte Frequenzbereiche, die unteren Formanten mit der Frequenz fu zwischen 300 und 1000 Hertz und die oberen Formanten mit der Frequenz fo zwischen 800 und 3200 Hertz, entsprechend verstärkt oder abgeschwächt. Die stärksten hochfrequenten Anteile hat das helle I und die wenigsten das dunkle U. Beim A sind schon die unteren Frequenzen in einem hellen, etwas höherfrequenten Bereich. Entlang der Linien im Vokaldreieck können die Vokalfärbungen praktisch stufenlos gestaltet werden. Das Y liegt zwischen dem Ü und dem I und taucht im Gregorianischen Gesang bei den Lehnwörtern aus dem Griechischen auf, wie zum Beispiel beim „Kyrie“.

Das Charakteristische der Stimme eines Sängers ist durch die individuelle Form und Größe der unveränderlichen Teile des Vokaltraktes vorgegeben, kann aber durch die Verformung der veränderlichen Teile, wie dem Gaumensegel oder der Lippen, oder die Stellung von der Zunge oder vom Unterkiefer begünstigend beeinflusst werden.

Eine ermüdungsfreie und wohlklingende Singstimme kann durch das Trainieren der Atemmuskulatur und des Stimmansatzes erreicht werden. Dies verlangt nicht nur die Beherrschung der körperlichen Grundlagen zur Bildung der Klänge ohne Anstrengung oder gar Verkrampfung, sondern erfordert auch entsprechende hörphysiologische und geistige Voraussetzungen zur Wahrnehmung von Klängen.

Die ausgebildete Singstimme unterscheidet sich von der Sprechstimme insbesondere durch den Einsatz des sogenannten Sängerformanten zwischen 2600 und 3400 Hertz, also weit oben im Bereich der oberen Formanten. Der Sängerformant verleiht der Stimme einen besonderen Glanz und eine gute Tragfähigkeit, auch ohne dass die objektive Lautstärke erhöht werden muss. Stimmen mit aktiviertem Sängerformanten mischen sich besonders gut im Chorgesang, insbesondere wenn dieser wie beim Gregorianischen Choral einstimmig vorgetragen wird, und erleichtern den Sängern das Erreichen einer gleichmäßigen Intonation.


Dezember 2013

Siehe auch

musik/grundlagen_des_gregorianischen_gesangs.txt · Zuletzt geändert: 2017/11/14 18:28 von mbautsch
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