Maximilian Beyer

Unterschrift von Pfarrer Maximilian Beyer

Pfarrer Maximilian Beyer

Maximilian Beyer (* 17. April 1872 in Greiffenberg in Niederschlesien; † 21. Oktober 1937 in Berlin-Tempelhof) war Pfarrer unserer Muttergemeinde Heilige Familie in Berlin-Lichterfelde und Erbauer unserer Pfarrkirche Mater Dolorosa in Berlin-Lankwitz.

Bezug zur Gemeinde Mater Dolorosa

Bis zur seelsorgerischen und vermögensrechtlichen Verselbständigung unserer Gemeinde Mater Dolorosa im Jahr 1921 waren Pfarrer Maximilian Beyer und die Herren des Lichterfelder Kirchenvorstands Heilige Familie für die Katholiken in Lankwitz zuständig. Kuratus Franz Nafe, der erste Pfarrer unserer Gemeinde, war als Seelsorger in Lankwitz bereits seit 1907 tätig und baute unsere Gemeinde auf, die Verantwortung hingegen oblag lange noch Pfarrer Beyer, der auch noch nach der Verselbständigung einen engen und herzlichen Kontakt zur Gemeinde Mater Dolorosa pflegte.

Leben

Maximilian Beyer wurde am 17. April 1872 geboren und am 14. Juni 1896 in Breslau zum Priester geweiht. Danach war er bis 1898 als Kaplan in Friedeberg am Queis in Niederschlesien tätig, bevor er zum Kaplan der Rosenkranz-Gemeinde in Berlin-Steglitz ernannt wurde.

Entwurfsskizze der Rosenkranz-Basilika von ihrem Architekten Christoph Hehl

Bereits im Juli 1899 sandte Josef Deitmer, der Pfarrer der Rosenkranz-Gemeinde, den fähigen jungen Priester als Kuratus nach Berlin-Lichterfelde und betraute ihn mit der seelsorglichen Betreuung der Katholiken der Dörfer Groß-Lichterfelde, Lankwitz, Teltow, Ruhlsdorf, Heinersdorf, Groß- und Kleinbeeren.

Nachdem die Gottesdienste für die dort wohnenden Katholiken zunächst nur in der Kapelle der Hauptkadettenanstalt und in der Privatkapelle des Börsenmaklers Max Mihaltsek (dem Vater des späteren Kaplans unserer Gemeinde, Bernhard Mihaltsek) in der Berliner Straße 152(heute Ostpreußendamm) möglich waren, konnte Kaplan Beyer bei der Gemeinde Groß-Lichterfelde erwirken, vorerst eine größere Notkapelle auf einem Grundstück an der Ecke Schiller- und Goethestraße im Jahr 1901 zu errichten. Die Einrichtung eines katholischen Gottesdienstes in der seit Neubau der evangelischen Pauluskirche leerstehenden alten Pauluskirche wurde ihm verwehrt.

Die vom Architekten Christoph Hehl entworfene Kirche Heilige Familie

Schließlich konnte im Jahr 1902 mit dem Bau der Kirche Heilige Familie auf einem bereits 1898 vom Kirchenvorstand der Rosenkranzgemeinde erworbenen Grundstück in der Kornmesserstraße in Berlin-Lichterfelde begonnen werden. Am 19. Juli 1904 erfolgte die feierliche Konsekration unserer Mutterkirche Heilige Familie, zu deren Pfarrer Kuratus Beyer im Jahr 1906 ernannt wurde. Durch ständigen Zuzug von Katholiken wuchs die Gemeinde stetig an, sodass Pfarrer Maximilian Beyer drei weitere Kirchen in seinem damaligen Gemeindegebiet bauenließ. Die erste Tochtergründung der Gemeinde Heilige Familie ist unsere Pfarrkirche Mater Dolorosa (geweiht am 22. September 1912). Es folgten noch eine provisorische Kirche in Berlin-Teltow (geweiht am 3. Oktober 1920) und die St.-Annen-Kirche (geweiht am 14. Juni 1936) in Lichterfelde-Nord. Die Vollendung seiner letzten geplanten Kirche in Klein-Machnow-Stahnsdorf erlebte er jedoch nicht mehr.

Mit dem Bauvorhaben seiner Tochterkirche Mater Dolorosa fungierte Pfarrer Beyer nun zum ersten Mal selbst als Bauherr. Im Gegensatz zu Pfarrer Deitmer, der als Bauherr der Rosenkranzkirche und der Kirche Heilige Familie den renommierten Kirchenarchitekten Christoph Hehl mit der Errichtung der im Zisterzienserstil gehaltenen frühgotischen Bachsteinkirchen beauftragt hatte, bevorzugte Pfarrer Beyer für Lankwitz einen modernen Barockbau, den schließlich der Assistent und Schüler von Hehl, Carl Kühn, in Assoziation mit seinem schon recht kranken Lehrer umsetzte.

Zufrieden mit dem Bau der Kirche Mater Dolorosa beauftragte Pfarrer Maximilian Beyer den Architekten Carl Kühn 1913 nun auch mit der Errichtung eines Neubaus der Wöchnerinnenzuflucht Zur Heiligen Monika in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche Mater Dolorosa in der Nostizstraße (der heutigen Kiesstraße). Pfarrer Beyer war ein großer Förderer und Unterstützer dieser Einrichtung, die später in St. Monikastift umbenannt wurde und die 1904 von Friedenau nach Lankwitz gezogen war. Dem im Jahr 1899 gegründeten Verein gehörte Pfarrer Beyer lange auch im Vorstand an und sorgte mit Bittbriefen unermüdlich für die Finanzierung dieser Einrichtung für ungewollt schwanger gewordene junge Mädchen.

Im Jahr 1924 wurde er zum Erzpriester des Archipresbyterates Berlin-Steglitz und am 1. November 1929 zum Fürstbischöflichen Geistlichen Rat ernannt. Am 18. Dezember 1930 wurde er Geheimer Päpstlicher Kammerherr mit dem Titel „Monsignore“ und im Jahr 1936 Päpstlicher Hausprälat Seiner Heiligkeit.

Ferner war er Gründer und Generalpräses der Gemeinschaft „Schaffende Frauen“, sowie Präses des Berliner Diözesanverbandes vom Heiligen Lande.

Der reisefreudige Pfarrer unternahm zwei Pilgerfahrten ins Heilige Land und mehrfach nach Rom.

Tod

Trauerzug für Pfarrer Maximilian Beyer vor der Pfarrkirche Heilige Familie

Pfarrer Beyer starb am 21. Oktober 1937 im Sankt-Josefs-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof. Seinem Wunsch, neben seiner Pfarrkirche Heilige Familie begraben zu werden, konnte nicht entsprochen werden. So fand er seine letzte Ruhestätte Am Klostergarten auf dem Sankt-Matthias-Friedhof in Berlin-Tempelhof. Auf derselben Grabstelle befinden sich auch die sterblichen Überreste seiner beiden Nachfolger als Pfarrer der Gemeinde Heilige Familie, Melchior Grossek und Monsignore Hans-Gerhard Müller.

Grab von Maximilian Beyer auf dem Sankt-Matthias-Friedhof

Im Gedenkblättchen anlässlich seines Todes wird Monsignore Beyer folgendermaßen beschrieben:

„Starke Willenskraft und nie rastender Schaffensdrang paarten sich mit verstehender Liebe und Güte. In echt apostolischer Gesinnung und Hirtensorge war er der nimmermüde Vater und Führer seiner Pfarrkinder, der treue Helfer und kluge Ratgeber für all die vielen Notleidenden und Bedrückten. Was er in der Seelsorge, was er zur Beseitigung sozialer Not geleistet, wie viele Existenzen er in aller Stille geschaffen, gestützt, gerettet hat, das weiß Gott allein. Gedenktafel auf dem Sankt-Matthias-Friedhof, Abteilung 5, Randstelle am Hauptweg, Nummer 3 a bis e Feingeistigkeit, Scharfsinn und mutiges Eintreten für die päpstlichen Weisungen sowie ein tiefes Verständnis für die Nöte der Zeit befähigten ihn, in den Problemen der sozialen Frage klare Wege zu gehen und zu führen. Das war sein großes Verdienst während seiner jahrzehntelangen Arbeit als Vorstandsmitglied des katholischen Arbeiterverbandes „Savigny Berlin“. Mit seinem Verständnis für die Seele der Frau war er so auch imstande, durch mehr als drei Jahrzehnte Zehntausenden von „Schaffenden Frauen“ in den schweren Mißständen und Wirren des Berufslebens Klarheit, tatkräftige Hilfe und innere Bereicherung zu geben. Eine Fülle treusorgender Liebe widmete er seinen Angehörigen, deren Oberhaupt und Seele er war. Vorbildlich, wie seine Frömmigkeit, war seine kindliche Verehrung der allerseligsten Jungfrau.“

Wirken insbesondere in Bezug zu Gemeinde Mater Dolorosa

Im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden in der unmittelbaren Umgebung von Berlin in den umliegenden Dörfern große Vororte mit vielen neuen Siedlungen. Besonders in Orten mit Villencharakter wurde viel Personal benötigt, so dass Tausende von jungen Mädchen besonders aus dem katholischen Raum Breslau nach Berlin und Umgebung kamen, um dort als Hausangestellte zu arbeiten. Oft völlig unerfahren und leichtgläubig wurden viele von ihnen ungewollt schwanger, waren plötzlich auf sich alleine gestellt und völlig mittellos. Viele dieser jungen Frauen suchten in ihrer Not auch Hilfe bei katholischen Seelsorgern.

Deshalb fasste im Jahr 1899 ein katholischer, karitativ engagierter Personenkreis, dem auch viele Priester angehörten, den Entschluss der Errichtung des Wöchnerinnenheims Sankt Monikastift für die Niederkunft und das Wochenbett von unverheirateten, jungen Frauen und deren moralische und sittliche Festigung. In Briefen und in der Chronik der Gemeinde Heilige Familie wird Pfarrer Beyer als Gründungsmitglied genannt, in Vereinsprotokollen und Vereinsregisterauszügen wird er zunächst jedoch nicht aufgeführt. Wahrscheinlich war er ein erst nur im Hintergrund operierender Ideenstifter und Förderer, der den Anstoß für die Gründung einer solchen Einrichtung gab, zumal er erst als Kaplan in der Rosenkranzkirche in Steglitz und dann als zuständiger Seelsorger für Groß-Lichterfelde unmittelbar mit den großen Problemen ungewollt schwanger gewordener Frauen und unehelicher Kinder (auch den Taufregistern von Lichterfelde zu entnehmen) konfrontiert war.

Am 18. März 1900 wurde in Berlin-Friedenau der zunächst private Verein Wöchnerinnen­zuflucht zur Heiligen Monika gegründet. Die Einrichtung zog im Jahr 1904 nach Lankwitz in die Frobenstraße und oblag seelsorglich nun Pfarrer Beyer, der nach Übernahme der Einrichtung durch die Elisabeth-Schwestern und mit der Einrichtung von regelmäßigen Messgottesdiensten die Wöchnerinnenzuflucht auch als zelebrierender Priester und Beichtvater aufsuchte.

Als Bauherr unserer für die damalige Zeit eher in ungewöhnlicher Bauweise durch die Architektengemeinschaft Christoph Hehl und Carl Kühn entworfenen Kirche Mater Dolorosa zeigte sich Pfarrer Beyer bei der Umsetzung seiner Kirchbaupläne sehr beharrlich und geschickt agierend.

Nach genauerer Durchsicht der Pfarrarchive von Heilige Familie und Mater Dolorosa – insbesondere der Korrespondenz von Bauherr Pfarrer Beyer – kommt der Kunsthistoriker und Architekt Andreas Tacke bei seinen Forschungsarbeiten auf interessante Ergebnisse. Wenn man die vorangegangenen Kirchbauten des Architekten Hehls in seiner Zeit in Hannover und späteren Berliner Zeit betrachtet, fällt der eindeutige Stilbruch bei der Entwurfsplanung seiner ihm zugesprochenen letzten Kirche Mater Dolorosa ins Auge. So stammen die Vorentwürfe für die Kirche von seinem Assistenten und Schüler Carl Kühn, mit dem Christoph Hehl eine Bürogemeinschaft eingehen musste, um überhaupt noch an der Ausführung beteiligt zu werden. Einem Brief wird entnommen, dass der Geheime Oberregierungsrat Lutsch der Meinung war, „dass Professor Hehl aufgrund seines körperlichen Rückganges auch nicht mehr imstande sei, etwas zu schaffen“. Mit dem Bau der Lankwitzer Kirche begann die eigenständige Architektenlaufbahn von Carl Kühn. Pfarrer Beyer wünschte sich für die Lankwitzer Kirche und das Pfarrhaus „eine Architektur in moderner Weise“. Der Architekturstil sollte sich deutlich von dem der Lichterfelder Kirche Heilige Familie unterscheiden und so dachte er auch vorerst nicht an Christoph Hehl als Baumeister, der für den „altchristlichen Stil“ katholischer Berliner Kirchen stand. Hiermit meinte Beyer wahrscheinlich die aus Romanik und Gotik schöpfende Architektur Hehls. Dieser hatte, von dem Bauvorhaben aber Kenntnis habend, Anfang 1910 einen Vorentwurf eingereicht, der leider verloren gegangen ist, wahrscheinlich aber in seinem herkömmlichen Stil ausgeführt war. Pfarrer Beyer wollte aber eine eher „einfache, ruhige, aber zugleich monumental wirkende barocke Kirche in moderner Ausführung“. Zu Beginn des Jahres 1910 bat er viele renommierte Kirchen-Architekten um unverbindliche, vertraulich zu behandelnde Entwürfe für den geplanten Kirchbau (600 Sitzplätze und 800 Stehplätze) und ein nebenstehendes Pfarrhaus mir direkter Verbindung zur Kirche, wobei die Kosten 220 000 Mark nicht überschreiten sollten. Höchstwahrscheinlich hatte Pfarrer Beyer bereits vor diesem Wettbewerb den Assistenten von Christoph Hehl, Carl Kühn, gefragt, ob er einen modernen Entwurf für die geplante Kirche erstellen könnte und gegebenenfalls eine Assoziation mit Hehl eingehen würde, um gemeinsam das Bauvorhaben durchzuführen. Noch bevor die anderen Architekten um ihre Entwürfe gebeten wurden, reichten Hehl und Kühn einen gemeinsamen Pfarrer Beyer gefallenden Entwurf ein, der ziemlich sicher auf einen alleinigen Vorentwurf von Carl Kühn zurückgeht. So war es für Beyer möglich geworden, seine Wünsche gegenüber dem für Lankwitz zuständigen Kirchenvorstand durchzusetzen, der aufgrund der guten Erfahrungen beim Bau der Lichterfelder Kirche den Architekten Hehl mit dem Kirchbau in Lankwitz beauftragen wollte. Nach der Assoziation der beiden Architekten waren alle Seiten zufrieden: Der Kirchenvorstand konnte seinen Favoriten Hehl beauftragen, Pfarrer Beyer konnte seine gewünschte moderne Kirche durchsetzen, Carl Kühn erlangte sein erstes eigenständiges Projekt – wenn auch in Assoziation, und Christoph Hehl wurde trotz des ablehnenden Verhaltens Beyers gegenüber seinem „altchristlichen“ Entwurfes dennoch an dem Bauvorhaben beteiligt.

Es muss jedoch bitter für letzteren gewesen sein, von seinem Assistenten übervorteilt worden zu sein. Obwohl der Entwurf die Unterschriften beider Architekten trägt, wird er wegen der zeitlichen Enge wohl nur auf Carl Kühn oder auf den Vorentwurf Kühns zurückgehen. Die folgende Korrespondenz zwischen Pfarrhaus und Architekturbüro trägt stets den Stempel beider Architekten, den Auftrag hatte aber eindeutig Carl Kühn an Land gezogen.

Die anderen ziemlich kurzfristig mit Entwürfen beauftragten Architekten, denen Pfarrer Beyer im März 1910 eine Absage erteilte, reagierten zum Teil sehr verärgert, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Einigen erschien die Vergabe wie ein vorher abgesprochenes Spiel, andere hätten sich nie beteiligt, wenn sie gewusst hätten, dass Hehl „auch als Architekt in Frage käme“.

Den Wünschen Pfarrer Beyers entsprechend war nun in Lankwitz eine recht ungewöhnliche für damalige Verhältnisse moderne Kirche mit deutsch-barocken Elementen entworfen worden, die sich deutlich von ihren Mutterkirchen der Rosenkranzkirche und Heilige Familie, die beide als neugotische Backsteinbasilika nach Vorbild der märkischen Zisterzienserkirchen errichtet waren, unterschied. Dennoch ist auch diese Kirche eine neoromanische, der altchristlichen Basilika sehr ähnliche dreischiffige Kirche, die bis zu 1 300 Personen (davon 400 Sitzplätze) Platz bieten sollte.

Die bei der Planung für den Bau von Kirche und Pfarrhaus ermittelten Kosten betrugen 176 000 Mark für die Kirche und 49 000 Mark für das Pfarrhaus und die Sakristei. Die Finanzierung sollte – abgesehen von einer Anleihe in Höhe von 75 000 Mark bei der Preußischen Pfandbriefbank in Berlin – durch Spendensammlungen von Pfarrer Beyer erfolgen. Hierbei sollten aus den mit Genehmigung des Fürstbischofs veranstalteten Sammlungen 130 000 Mark zusammenkommen. Aus einer Diözesankollekte sollten weitere 3 000 Mark hinzukommen. Den Rest von 17 000 Mark sollten durch Beiträge Sr. Eminenz des Fürstbischofs und des Bonifatiusvereins beigesteuert werden. Ob die Kosten von 10 000 Mark für die Bronzeglocken noch dazu kamen oder bereits in dieser Summe enthalten waren, konnte nicht ermittelt werden.

Pfarrer Beyer, der ebenso wie in Lankwitz bereits als Kaplan in Steglitz einen Kirchbausammelverein gegründet hatte, unternahm auch für den Bau der Mater-Dolorosa-Kirche besonders viele Reisen in katholische Gegenden. Dort führte er für den Bau einer weiteren Kirche im Diasporagebiet im Umland von Berlin Sammlungen durch, die sich aber zunehmend schwieriger gestalteten, da „öffentliches Betteln“ verboten war. In Bayern und Baden-Württemberg wurde er mehr als einhundertmal wegen öffentlichen Bettelns und Landstreicherei verurteilt. Es gab sogar eine gerichtliche Vereinbarung, erst 10 bis 15 Vergehensfälle zu sammeln, bevor Pfarrer Beyer vor Gericht vernommen wurde.

Leider überschattete der nach der Wende zum 20. Jahrhundert einsetzende Gewerkschaftsstreit innerhalb des katholischen Milieus den Bau der Lankwitzer Kirche. Dieser Streit betraf Auseinandersetzungen zwischen modernen und antimodernen Tendenzen innerhalb der sich nun spaltenden katholischen Organisationen und betraf im Wesentlichen die Frage nach der Legitimität christlicher Gewerkschaften. Die Anhänger der moderneren Tendenzen befürworteten auch eine Mitgliedschaft in größeren auch sozialpolitisch aktiven Organisationen, wie zum Beispiel im Volksverein für das katholische Deutschland und in den überkonfessionellen, faktisch jedoch überwiegend katholisch geprägten christlichen Gewerkschaften. Die Gegenseite vertrat die Meinung, dass sich Katholiken nicht in nichtkatholischen Organisationen engagieren dürften und lehnten die demokratischen und Emanzipationstendenzen innerhalb des Katholizismus strikt ab. Darüberhinaus drangen sie darauf, dass die katholische Kirche das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben ihrer Mitglieder zu durchdringen habe. Diese sollten sich wie bisher nur in kirchlichen Vereinen und Bruderschaften engagieren. Anhänger dieser Auffassung (auch Integralisten genannt) waren sowohl der Bischof von Breslau Georg von Kopp als auch Pfarrer Maximilian Beyer. Dieser Konflikt führte zu einer Spaltung der katholischen Arbeitervereine. So standen die Vereine aus Nord- und Ostdeutschland auf der Seite der Integralisten und lehnten eine Mitgliedschaft in Gewerkschaften ab, während der größte Teil der westdeutschen und süddeutschen Arbeitervereine die Gegenseite vertrat. Auch innerhalb der christlichen Gewerkschaften kam es zu erheblichen Spannungen. Die päpstliche Enzyklika „Singulari quadam“ vom 24. September 1912 sprach sich für die konfessionellen Arbeitervereine aus, christliche Gewerkschaften wurden nur geduldet, sofern sie nicht gegen kirchliche Lehrmeinungen verstießen. Parallel dazu wurde dieser Streit auch in der Zentrumspartei geführt, die offen für einen interkonfessionellen Dialog eintrat und die Mitgliedschaft in christlichen Gewerkschaften befürwortete. Der Versuch zur Überwindung der Konfessionsgrenzen scheiterte jedoch. Im Zusammenhang mit dem Gewerkschaftsstreit verlor die Zentrumspartei einen Teil ihrer überwiegend katholischen Wählerschaft. Wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Zentrumspartei in Hinblick auf den interkonfessionellen Dialog und die christlichen Gewerkschaften wurde Pfarrer Beyer besonders von Redakteuren zentrumsnaher Zeitungen erheblich angegriffen. Zur Finanzierung des Kirchbaus von Mater Dolorosa hatte er die Hirtenbriefe des Kardinals Kopp mit einem hohen Kostenaufwand herausgegeben und meist an Geistliche verschickt. Nach Artikeln in ungefähr 100 Zentrumsblättern, in denen vor Pfarrer Beyer gewarnt wurde, da er die Katholiken gegeneinander aufhetze, erhielt er fast die gesamte Auflage einschließlich beleidigender Zuschriften zumeist von Geistlichen zurück. Dies bedeutete einen gewaltigen Geld- und Ansehensverlust für Pfarrer Beyer. Desweiteren warf man ihm Missbrauch der Spendenbereitschaft des katholischen Volkes vor, da er in Lankwitz einen wahren Prunkbau einer Kirche errichte und so die Wohltäter aus ganz Deutschland getäuscht habe. So hätte Pfarrer Beyer mit Hilfe ihrer Spenden sogar mehrere bescheidene Kirchen in der Diaspora baue können anstatt diesen Luxusbau zu finanzieren. Trotz sofortiger und wiederholter öffentlicher Erklärungen und Richtigstellungen durch den Kirchenvorstand, Pfarrer Beyer und den Architekten Carl Kühn sowohl in der Zeitung Germania als auch in Briefen an wichtige Spender war der Ruf Beyers erheblich beschädigt. Es wurde überall vor dem „Bettelpfarrer“ Beyer gewarnt, der „Bettelbriefe wie ein armer Mann schreibe und eine Kirche wie ein Fürst baue“, und empfohlen, Gaben für die Diaspora nur über den Bonifatiusverein zu leiten. Schließlich musste sich der Kirchenvorstand auch Kardinal Kopp erklären, der auch vom Architekten ein Gutachten einforderte. In diesem erläuterte Carl Kühn, dass mit geringen Geldmitteln große Effekte erzielt worden seien. Die Kirche war hinsichtlich des umbauten Raumes auch nicht teurer als andere Kirchen der Architekten Hehl und Kühn. Die von Zentrumsredakteuren angeprangerte Verwendung von Bronze bei Türen und Leuchtern, erwies sich als nicht zutreffend, da hierfür keine massive Bronze, sondern nur preiswertes Bronzeblech eingesetzt worden war. Die schwarzen Labradorsäulen aus dem Tiefengestein Larvikit waren günstig aus einer Konkursmasse erworben worden. Auch deren Kapitelle bestanden nur aus einfachem Bronzeblech. Insgesamt gesehen war die angeblich prächtige Kirche im Vergleich mit anderen Bauwerken dieser Art eher eine preiswerte Kirche, insbesondere was die Kosten pro umbauten Raum anging, die mit 18 Mark pro Kubikmeter ohne Turm und 25 Mark Kubikmeter für den Turm noch unter den Kosten früherer Hehl’scher Kirchen lag.

Auch bedingt durch diese großen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Kirchbau weihte Pfarrer Beyer die Kirche nicht wie ursprünglich vorgesehen der Heiligen Monika, sondern der Mutter der Sieben Schmerzen, Mater Dolorosa, da er wie sie für diesen Kirchbau gelitten habe und seine eigene Via Dolorosa durchlaufen habe; sein Gesundheitszustand war stark angegriffen.

Die Seelsorge für die Lankwitzer Gemeinde übernahm Kuratus Franz Nafe, der später erster Pfarrer der Gemeinde wurde. Nach der Fertigstellung der Kirche Mater Dolorosa ließ Pfarrer Beyer auf dem an die Kirche angrenzenden Grundstück in der damaligen Nostizstraße und heutigen Kiesstraße in den Jahren 1912 bis 1913 ein lange geplantes, eigenes großes Gebäude für die ihm so wichtige Wöchnerinnenzuflucht zur Heiligen Monika errichten. Zufrieden mit dem Bau der Lankwitzer Kirche beauftragte er auch hier als Architekten Carl Kühn.

Auch nachdem die Lankwitzer Gemeinde eigenständig geworden war, blieb Pfarrer Beyer vielen Gemeindemitgliedern und Pfarrer Nafe freundschaftlich eng verbunden und war ein häufig und gern gesehener Gast in Lankwitz und nahm stets intensiven Anteil am Lankwitzer Gemeindeleben und -geschehen.

Pfarrer Maximilian Beyer hat in rund 40 Jahren priesterlichen Wirkens in unermüdlicher Weise und nie nachlassender Beharrlichkeit für den Aufbau und die Struktur katholischen Gemeindelebens im Berliner Südwesten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Großes geleistet.

Siehe auch

personen/maximilian_beyer.txt · Zuletzt geändert: 2016/12/12 22:12 (Externe Bearbeitung)
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