Tochter Zion

Von Markus Bautsch

Genauso wie der dritte Adventssonntag „Gaudete” („Freut euch”) fällt auch der vierte Fastensonntag „Laetare” („sich freuen”) ein wenig aus dem Rah­men der traditionell eher besinnlichen und entbehrlichen Vorbereitungszeiten auf die großen christlichen Feste Weihnachten und Ostern. Kurz nach der Hälfte der Advents- beziehungsweise der Fastenzeit blitzt hier schon ein erstes Mal die Freude hervor. Im Gottesdienst muss an diesen beiden Sonntagen daher nicht die liturgische Farbe violett als Sinnbild für den Übergang und die Verwandlung getragen werden, sondern es darf auch die aufgehellte Variante rosa verwendet werden.

Der vierte Fastensonntag wird auch Laetare-Sonntag oder „Mittfasten“ (Mitte der Fastenzeit) genannt, weil das in der lateinischen Liturgie vorgesehene Eingangslied (der Introitus) mit den Worten des Propheten Jesaja „Laetare Ierusalem” (Jes 66,10-11, vergleiche auch Gotteslob Nummer 654,2) beginnt. In der Einheitsübersetzung heißt es in dieser Textpassage über die Stadt Jerusalem: „Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart.”

Zwei Wochen nach Laetare wird der Palmsonntag gefeiert, wo des Einzugs Jesu auf einem Esel in Jerusalem gedacht wird. An diesem Tag werden die Palmzweige geweiht, die seit jeher als Symbol des Lebens und des Sieges gelten und die von den Begleitern Jesu freudig in die Höhe gehoben wurden. Der Prophet Jesaja schreibt im Kapitel 62, Vers 11: „Hört, was der Herr bis ans Ende der Erde bekannt macht: Sagt der Tochter Zion: Sieh her, jetzt kommt deine Rettung. Siehe, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her.”

Einzug in Jerusalem, Fresko von zirka 1305 des itialienischen Malers Giotto di Bondone (1266-1337)
in der Scrovegni-Kapelle in Padua, Venetien, Italien

Alle vier Evangelien berichten, wie sich diese Prophezeiung erfüllt hat. Bei Johannes (Joh 12,13) heißt es beispielsweise: „Da nahmen sie Palmzweige, zogen hinaus, um ihn zu empfangen und riefen: Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels!”, beziehungsweise bei Matthäus (Mt 21,9): „Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!” In diesen beiden Kapiteln der Bibel heißt es an anderer Stelle auch (Joh 12,15 und Mt 21,5): „Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt; er sitzt auf dem Fohlen einer Eselin.” und „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.” Lukas beschreibt (Lk 19,37), wie die Jünger anfingen, „freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben.”

1820 dichtete der evangelische Theologe Friedrich Heinrich Ranke die er­wähn­ten Bibelstellen und die folgende Textstelle aus dem Propheten Sacharja (Sach 9,9) mit folgenden Worten nach: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.” Hierzu bediente er sich eines vierstimmigen, damals auch in Deutschland bereits sehr beliebten Chorsatzes von Georg Friedrich Händel von 1747, der für den Sieg der englischen Regierungstruppen über die aufständischen Jakobiten am 16. April 1746 bei der Schlacht bei Culloden in Schottland komponiert worden war.

1826 wurde das für nunmehr geistliche Zwecke umgedichtete und mit ins­ge­samt vier Strophen versehene Stück schließlich unter dem Titel „Am Palmsonntage” in einer Sammlung christlicher Lieder veröffentlicht und in der Folgezeit sehr populär.

Wie kommt es aber nun, dass dieses Lied für den Palmsonntag heute eher in der Adventzeit gesungen wird? Die dritte Strophe dieses ökumenischen Liedes, die sich explizit auf den Einzug in Jerusalem bezieht, ist weggefallen. In dieser Form findet sich das Lied mit dem Titel „Tochter Zion, freue dich” im Adventsteil sowohl vom Evangelischen Gesangbuch (Nummer 13) als auch vom Gotteslob (Nummer 228) wieder.

Die drei verbliebenen Strophen werden heute auf adventliche Prophezeiungen, wie „Jetzt kommt deine Rettung” (Jes 62,11), „Sieh, dein König kommt zu dir” (Mt 21,5) oder „Er verkündet für die Völker den Frieden” (Sach 9,10) bezogen. Und der „Fürst des Friedens” im Kapitel 9, Vers 5 des Propheten Jesaja wird dort schließlich direkt mit dem neugeborenen Sohn in Verbindung gebracht, auf dessen Schultern die Herrschaft liegt.

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musik/tochter_zion.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/19 00:04 von mbautsch
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