Wenn nur mehr Beten hilft...

Theologisch-ethische Leitlinien im Buch Tobit.

Bibeltheologische Tagung
mit Dr. Christian Wagner, Universität Regensburg.

Von Ursula Storck

Im 19. Jahrhundert und auch noch bis zur Mitte des 20. waren Bilder von niedlichen, hilflosen Kindern, die über gefährliche Brücken balancieren, eskortiert von einem geflügelten Wesen, das schützend die Hand über sie hält in vielen Kinderzimmern zu finden: „Der Schutzengel„. Gute Mütter beteten mit ihren Kindern zum Schutzengel, damit das Kind sicher behütet den Tag bestehen sollte. Wenn Mütter heute noch mit ihren Kindern beten, dann sicher auch noch zum Schutzengel, den jeder von uns haben soll.

Süssliche Schutzengelbilder finden sich vermutlich heutzutage eher beim Trödler als im Kinderzimmer. Aber im Alltag sprechen wir doch häufiger von „Engeln“: „Die gelben Engel„ helfen dem Auto, wenn man im richtigen Autoclub ist. Wenn einer aus einer bedrohlichen Situation mit heiler Haut hervorgeht, dann hatte er „einen guten Schutzengel“. Manchmal hört man auch die scherzhafte Empfehlung, „nicht schneller Auto zu fahren, als der Schutzengel fliegen kann„.

Engel gab es als bunte ausgestanzte Oblaten fürs Poesiealbum; auf Kerzen und Servietten sind die berühmten Engelchen der Sixtinischen Madonna von Rafael zu finden und es gibt sogar winzig kleine Seifenstücke für Gäste in Form eines Engelköpfchens. Die Darstellung von „Kinderengeln“ oder „Engelkindern„ geht vielleicht auf die Amoretten der Antike zurück. Die Kenntnis von erhabenen, mächtigen Gottesboten hat dagegen ihren Ursprung im Buch Tobit. Unser Bewusstsein, von Engeln umgeben zu sein, die im Auftrag Gottes helfend in unser Leben eingreifen, stammt aus dieser ergreifenden biblischen Erzählung.

Im Frühjahr 2002 musste Professor Hubert Ritt die für Mater Dolorosa geplante bibeltheologische Tagung mit Rücksicht auf seine Gesundheit kurzfristig absagen.

Zum Glück sprang Dr. Christian Wagner, ebenfalls von der Universität Regensburg, ein.

Der Titel: „Wenn nur mehr Beten hilft…“ zog viele Zuhörer an, die gern etwas über das Gebet in ausweglosen Situationen lernen wollten und natürlich auch ihre eigenen Erfahrungen dazu einzubringen gedachten.

Die Geschichte vom Engel, der den jungen Tobias auf seiner gefährlichen Reise in der Gestalt eines sympathischen jungen Mannes begleitet und ihn davor bewahrt, auf der gefährlichen Reise nach Medien von dem Riesenfisch, der im Tigris lauert, in die Tiefe gerissen zu werden, war auch in meiner Schulbibel zu finden.

Die bibeltheologische Tagung über das Buch Tobit war also ein willkommener Anlass für mich, endlich die Erzählung in der biblischen Originalversion kennenzulernen.

Dr. Wagner hatte die Tagung als Seminar über das Buch Tobit angelegt in dem freilich das Gebet in ausweglosen Situationen und in Todesgefahr eine überaus wichtige Rolle spielt. So blieb am zweiten Tag ein grösserer Teil der Zuhörerschaft leider enttäuscht weg, weil ihre Erwartungen in das Thema nicht erfüllt wurden - jedenfalls nicht in der von ihnen gedachten Weise. Wer sich dagegen auf die Darbietung des Themas als alttestamentliches Seminar einliess, konnte interessante Einsichten gewinnen.

Das Buch Tobit ist in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes und in der Vulgata enthalten. Es fehlt in der Lutherübersetzung. Es lässt sich nicht mehr genau sagen, wann das Werk entstanden ist. Auf alle Fälle fand sich in den Qumran-Texten auch das Buch Tobit. Keineswegs stammt es aus der Zeit, in der die Erzählung spielt. Vermutlich ist es 200 v. Chr. entstanden.

Die Geschichte vom Engel als Reisebegleiter hat die Phantasie der Künstler etlicher Epochen sehr inspiriert. Besonders Rembrandt hat die Geschichte der Reise des Tobias samt seinem Hund liebevoll ins Bild gesetzt und sowohl einen Zyklus von Federzeichnungen zur Geschichte des Tobias geschaffen als auch etliche Gemälde zum Thema.

Aufgelockert wurde der Vortrag von Dr. Wagner durch eine vorzüglich gestaltete Präsentation von reichem Bildmaterial: herrliche Landschaftsaufnahmen aus Israel u. a. Qumran mit seinen Höhlen. Die schönen Federzeichnungen von Rembrandt interpretierten dem Auditorium einfühlsam die biblischen Texte.

Tobit ist ein Gerechter, der die Gebote seines Gottes Jahwe auch in der Verbannung in Ninive treu befolgt. Er tut Gutes, begräbt sogar heimlich die Toten seines Volkes, die man auf Befehl des grausamen Sanherib einfach hinter die Stadtmauer wirft, um die Israeliten zu demütigen. Er erblindet durch unglückselige Umstände, sogar infolge seiner Barmherzigkeit, die er den Toten erzeigt. Seine Frau verhöhnt ihn deshalb, weil sein Gott offensichtlich seine Redlichkeit nicht nur nicht belohnt, sondern ihn anscheinend auch noch dafür zu bestrafen scheint.

Tobit sucht einen zuverlässigen Begleiter für die weite und gefährliche Reise von Ninive nach Rages in Medien. Von dort soll sein Sohn Tobias einen grossen Geldbetrag zurückholen, den er vor vielen Jahren an seinen Verwandten Gabaël verliehen hat und selbst nun bitter nötig hat.

Der junge Mann, der sich als Reisebegleiter anbietet, macht einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck auf die alten Eltern des Tobias. Er nennt sich Asarja.

Während der Reise kommt Tobias in Lebensgefahr, als er im Tigris schwimmt. Ein riesiger Fisch schiesst plötzlich aus dem Wasser und droht, ihn zu verschlingen. Beinahe wäre der Jüngling in die Tiefe gerissen worden, wäre der Reisebegleiter nicht herbeigeeilt. Tobias packt den Fisch mit seiner Hilfe, tötet ihn und entnimmt ihm auf Anraten seines Begleiters, Galle, Herz und Leber und bewahrt sie auf.

Asarja schlägt dem Tobias vor, in Ekbatana zu einem Verwandten zu gehen und erzählt von der schönen Sara. Siebenmal hat ihr Vater sie verheiratet und jedesmal tötete ein böser Dämon ihren Bräutigam. So ist sie eine siebenfache Witwe und immer noch Jungfrau.

Ihre Mägde schmähen sie als siebenfache Mörderin. Sara mag nicht mehr leben. Aber sie weiss, dass sie ihre Eltern mit ihrem Selbstmord in tiefen Kummer stürzen würde und klagt Gott ihr Leid in einem rührenden Gebet.

So bedrängt die Personen dieser biblischen Erzählung auch immer gewesen sein mochten: sie haben nie an Gott gezweifelt. Im Gebet tragen sie ihre Not und Verzweiflung vor Gott.

Wie auch schon Hiob wird der gerechte und gottesfürchtige Tobit vom Unglück heimgesucht obwohl er nach den Geboten seines Gottes lebt und Barmherzigkeit übt.

Tobit und Sara leiden unschuldig und erbitten in rührenden Worten Hilfe vom Herrn in ihrer nach menschlichem Ermessen ausweglosen Not und Bedrängnis.

Beider Gebet wird erhört: Sara wird dem Tobias zur Frau gegeben und Leber und Herz des Riesenfisches verjagen den bösen Dämon in der Hochzeitsnacht „bis nach Oberägypten„. Sara ist rehabilitiert. Der Schwiegervater des Tobias kann das vorsorglich geschaufelte Grab wieder zuschütten. Der achte Schwiegersohn hat die Hochzeitsnacht überlebt.

Asarja wird nun mit Knechten und Kamelen allein nach Rages zu Gabaël geschickt, um das geliehene Vermögen zu holen und bringt ihn gleich noch zur Hochzeitsfeier des jungen Paares mit.

Unterdessen sind die Eltern des Tobias sehr in Sorge, weil Sohn und Reisebegleiter so lange ausbleiben. Die Mutter kann vor Kummer um den Sohn nicht mehr essen und schlafen und beweint ihn bereits als Toten. Tobit versucht dagegen nach Männerart, seine heimlichen Sorgen vor ihr zu verbergen und seine Frau ungeschickt zu beschwichtigen.

Vierzehn Tage dauern die Hochzeitsfeierlichkeiten in Medien, dann denkt Tobias endlich an den Rückweg. Reich beschenkt und gesegnet von seinem Schwiegervater zieht er mit seiner jungen Frau heim, nach Ninive.

Kurz bevor die Karawane die Heimat des Tobias erreicht, nimmt der Engel den Tobias, gefolgt von dessen Hund und sie gehen voraus, um das Haus für den Empfang der jungen Frau zu bereiten.

Die Mutter sitzt bereits am Weg, wie vermutlich jeden Tag, um auf keinen Fall die Rückkehr des so schmerzlich vermissten Sohnes zu versäumen. Der Engel rät nun dem Tobias, seinem Vater die Galle des Fisches auf die erblindeten Augen zu streichen. Und siehe da: die weissen Flecke, die der Vogelkot gebrannt hatte, lösen sich ab und dem Vater wird das Augenlicht wiedergeschenkt. Tobit und Hanna sind glücklich über die Schwiegertochter und es folgt ein weiteres Hochzeitsfest: diesmal mit der Familie in Ninive!

Tobias will den Reisebegleiter, der sich als so tüchtig und zuverlässig erwiesen hat, reich entlohnen und ihm die Hälfte dessen geben, was er mitgebracht hat.

Und jetzt erst gibt sich der Engel zu erkennen als Rafael, „einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten“ (Tobit, 12, 15).

Tobit und Tobias erschrecken und fallen vor ihm nieder. Rafael verkündet den so wundersam Erretteten, dass sie nur das Eingreifen Gottes aus ihrer Not befreit hat. Er hat im Auftrag Gottes gehandelt, nicht aus eigenem Antrieb. Sie sollen Gott danken und: „ihr sollt alles, was geschehen ist, in einem Buch aufschreiben„ (Tobit, 12, 20). Sie loben Gott in wunderbaren Gebeten und geben ihm allein die Ehre.Als Tobit sein Ende nahen fühlt, ruft er den Sohn und dessen Familie zu sich und gibt ihm den Auftrag, nach Medien zurück zu ziehen. Ninive soll bald ganz zerstört werden. Er prophezeit die Zerstörung Jerusalems und des Tempels aber auch die Rückkehr in die verwüstete Heimat durch das Erbarmen Gottes. Jerusalem wird wieder aufgebaut werden und auch der Tempel und diesmal wird der herrliche Bau für die Ewigkeit Bestand haben. Die Propheten haben es so verkündet.

Tobit und Hanna sterben schliesslich hochbetagt und der Sohn bestattet sie. Er zieht mit den Kindern nach Ekbatana und bestattet auch die Schwiegereltern als deren Zeit gekommen ist.

Er selbst erreicht mit Sara ebenfalls ein hohes Alter und erlebt zu seiner Freude sogar noch den Untergang des verderbten Ninive.

Tobit und Sara können uns lehren, auch unverhoffte und unverdiente Schicksalsschläge geduldig und im Vertrauen auf Gottes Hilfe zu ertragen und nicht an Gott irre zu werden.

Und vor allem: Gott die Ehre zu geben und seine Grösse zu preisen.

Noch vor wenigen Tagen kam ich durch Zufall mit einer Teilnehmerin der bibeltheologischen Tagung ins Gespräch. Sie freute sich noch immer darüber, dass sie dieses biblische Buch kennengelernt hatte und fand es sehr anregend.

Und last but not least: Nachdem wir im Februar die Einladung zur Bibeltheologischen Tagung über das Buch Tobit ins Internet gestellt hatten, erhielten wir per e-mail einen Hinweis auf eine Marionetten-Spielgruppe in Kamp-Lintfort, die die Geschichte des Tobias für Kinder gestaltet hat, „um die Schutzengel nicht nur der Werbung zu überlassen“. Die Gruppe nennt sich „Kalibima„.

Im Internet ist ein Bericht über die Aufführung des Marionettenspiels unter folgender Adresse zu finden: www.kath.de/quodlibe/txt/kalimba. Es gibt davon ein Video und Text und Musik sind auf einer CD zu haben.

So wird hoffentlich dafür gesorgt, dass auch die Kinder von heute die Geschichte von Tobias, seinem Hund, der schönen Sara und dem geheimnisvollen Begleiter in einer kurzweiligen Fassung kennenlernen können.

Arbeitsblätter

archiv/wenn_nur_mehr_beten_hilft.txt · Zuletzt geändert: 2016/12/12 22:12 (Externe Bearbeitung)
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